Am 26. Oktober des Jahres 1185 schüttelte Bulgarien die byzantinische Fremdherrschaft ab, die nahezu 170 Jahre gedauert hatte. Dies geschah mittels einem Aufstand, an dessen Spitze sich die Feudalherren Assen und Petar stellten.
Hier die Vorgeschichte: Das Erste Bulgarenreich, dessen Bestehen auf dem Balkan seit dem Friedensvertrag mit Byzanz im Jahre 681 belegt ist, fiel im Jahre 1018 seinem größten und stärksten Gegner, seinem Nachbarn in die Hände. Die bulgarischen Landen wurden dem militärischen-administrativen und Steuer-System von Byzanz unterstellt. Es erfolgte eine territoriale Neugliederung, wobei die jeweiligen Gebiete (griechisch Thema) von je einem Befehlshaber (Strategos) geleitet wurden. Der Boden wurde an byzantinische Adlige verteilt, die das Recht erhielten, Steuern von der Bevölkerung einzutreiben. Die bis dahin selbständige Bulgarische Orthodoxe Kirche mit einem Patriarchen an der Spitze wurde in ein Erzbistum mit Sitz in Ochrid herabgestuft.
Natürlich leisteten die Bulgaren heftigen Wiederstand – ihre Aufstände blieben aber erfolglos. Etwa ein Jahrhundert später geriet das Byzantinische Reich jedoch in eine ernste politische Krise. Separatismus machte sich breit und erschütterte die Fundamente des Staates. Von Außen drangen Feinde ein – der Erste und Zweite Kreuzzug verwüsteten weite Teile, denn mit der endgültigen Kirchenspaltung von 1054, wurde auch die Ostkirche und damit alle orthodoxen Länder für Plünderungen freigegeben. Nördlich des Balkangebirges machten Petschenegen und Kumanen immer häufiger Raubzüge; von Nordwest her drangen Ungarn und Serben ein. Zwischenzeitlich ereignete sich 1185 eine der zahlreichen Palastrevolten in Konstantinopel – an die Macht kam als neuer Imperator Isaak II. Angelos, der jedoch sehr unentschlossen war. Zuerst musste er innen und außen für Frieden sorgen. Er schloss mit den Serben einen Friedensvertrag ab und willigte zur Heirat mit der ungarischen Prinzessin Margaret ein. Um eine üppige und seinem Rang entsprechende Hochzeit feiern zu können, erhob er zusätzliche Steuern, darunter auf das Vieh im gesamten Reich. In den Gebieten nördlich der Donau lag diese Steuer aber um ein mehrfaches höher, als in den übrigen Teilen. Das rief starke Unzufriedenheit unter der bulgarischen Bevölkerung hervor und erste spontane Erhebungen fanden im Osten des Balkangebirges statt. In Tarnowo im heutigen Nordbulgarien stellten sich an die Spitz der dortigen Erhebung zwei Brüder aus der örtlichen Aristokratie – Assen und Petar. Am 26. Oktober des Jahres 1185, der traditionell als Tag des heiligen Demetrius begangen wird, wurde in Tarnowo eine ihm zu Ehren errichtete Kirche geweiht. In die Stadt kamen anlässlich dieses Ereignisses viele Menschen. Assen und Petar ließen das Gerücht verbreiten, dass der heilige Demetrius, dessen Gebeine in der byzantinischen Stadt Thessaloniki ruhen, nicht mehr Schutzpatron dieser Stadt sei, da sie von den Normannen erobert wurde. Als Beweis wurde eine Ikone des Heiligen gezeigt, die auf wundersame Weise in der ihm geweihten Kirche in Tarnowo aufgetaucht sei. Dieses Zeichen wurde als Unterstützung für den bulgarischen Befreiungskampf ausgelegt. Als erstes wurde die Unabhängigkeit der bulgarischen Kirche wiederhergestellt, indem die drei zur Kirchenweihe anwesenden byzantinischen Bischöfe gezwungen wurden, einen bulgarischen Mönch namens Wassilij zum Erzbischof zu krönen. Dieser wiederum krönte zum bulgarischen Zaren den älteren der beiden Brüder, Theodor, der in Angedenken an den bulgarischen Herrscher Peter I. (927-970), der als Heiliger galt, seinen Namen annahm. Mit diesem Akt wurde eine Kontinuität zum Ersten Bulgarenreich vor der byzantinischen Fremdherrschaft hergestellt.
Die Massen jubelten und der Aufstand weitete sich, nunmehr unter der Führung von Assen und Petar, auf ganz Nordbulgarien aus. Im Frühjahr des Jahres 1186 versuchten Assen und Petar mit ihrem Heer die einstige bulgarische Reichshauptstadt Preslaw zurückzuerobern. Die dortige Garnison leistete dank der starken Festungsanlagen der Stadt einen ungebrochenen Wiederstand. Daraufhin riefen Assen und Petar Tarnowo zur neuen Hauptstadt des bulgarischen Reiches aus.
Byzanz war schockiert; der Niederwerfung des Aufstandes nahm sich Kaiser Isaak II. persönlich an. Zu Beginn gelang es seinem Heer, die Bulgaren zum Rückzug zu zwingen. Nördlich der Donau schlossen sie jedoch ein Bündnis mit den Kumanen und rückten gemeinsam gegen Byzanz vor. Zuerst wurden die Gebiete nördlich des Balkan-Gebirges zurückerobert und die Positionen gefestigt, woraufhin zur Befreiung auch der anderen bulgarischen Landesteile übergegangen wurde. Parallel führte in Südwestbulgarien der dortige bulgarische Feudalherr Dobromir Hris den Kampf gegen die Byzantiner.
Im Frühjahr 1187 unternahm Isaak II. erneut einen Versuch, seine Herrschaft über die bulgarischen Gebiete wiederzuerlangen. Mit seinem Heer überquerte er das Balkan-Gebirge und belagerte die Festung von Lowetsch. Nach drei Monaten gab er auf und schloss mit den Bulgaren einen Friedensvertrag, mit dem das wiedererstandene bulgarische Reich, zumindest seines Nordteils, vom Nachbarn Byzanz anerkannt wurde. Als Garant für den Frieden von bulgarischer Seite wurde der jüngste Bruder von Assen und Petar, Joanitza, nach Konstantinopel geschickt. Die Byzantiner nannten ihn Kalojan, was übersetzt aus dem Griechischen „der hübsche Johannes“ heißt. Er sollte später, nach dem Tod seiner Brüder, die Herrschaft in Tarnowo übernehmen. Auch wenn der Aufstand von Assen und Petar nicht zur Wiederherstellung des gesamten einstigen bulgarischen Reiches führte, war der Grundstein für dessen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wiederaufbau und der eines neuen Herrschergeschlechts, der Asseniden, gelegt worden. Seine späteren Vertreter vollendeten das Werk von Assen und Petar.
Zusammengestellt von: Wladimir Wladimirow
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