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„Ein Buch voller Humor, aber auch voller Wahrheiten, die schmerzhaft sein können“. Mit diesen Worten gibt Peter Georgiev Ray einen Einblick in seinen neuen Roman „Der Tag, an dem mir meine Unschuld genommen wurde“.

Hinter dem provokanten Titel schildert der Autor seine Eindrücke von der heutigen jungen Generation, wobei der Hauptheld als dessen Sprachrohr fungiert und „die verschiedenen Schichten seiner sexuellen Wünsche, jugendlichen Unzufriedenheit, Charakterfehler, Enttäuschungen und Sehnsüchte offenbart“ – so die Ankündigung zum Buch.
„Eine Generation, die ihre Orientierung verliert, eine Generation, die von Apathie, Desinteresse, Narzissmus und Selbstbesessenheit geprägt ist“, fügte der Autor mit Künstlernamen Peter G. Ray hinzu und sagte noch: „Opportunismus ist das, was junge Menschen vor allem leitet, und soziale Netzwerke treiben sie zu kommerziellem Denken, zu Zielen und Ideen, die ausschließlich mit Materiellem zu tun haben. Natürlich gibt es auch wunderbare Jungen und Mädchen – intelligent, sensibel und engagiert, und man sollte nicht verallgemeinern.“
Nachdem er mit dem Fall der Berliner Mauer die ersten Atemzüge der Freiheit genommen hatte, kehrte Petar Georgiev Rey seiner Karriere als angehender Schauspieler den Rücken und machte sich auf den Weg in eine Welt mit längst errungenen und etablierten Werten, die sein Heimatland erst noch erlernen musste. Ein zufällig mitgehörtes Gespräch, während er eine kleine Rolle in einem Film drehte, bestärkte ihn in seiner Absicht, auszuwandern.

„In einer der Pausen unterhielten sich Iwan Andonow, Konstantin Kozew, Kosta Zonew und Wassil Michajlow – die einflussreichsten Persönlichkeiten unserer Theater- und Filmkunst – neben mir“, erinnertе sich der Künstler. „Plötzlich sagte einer von ihnen: ‚Wenn ich jung wäre, würde ich auf jeden Fall auswandern.‘ Und da ich fast eingeschlafen war, sprang ich auf und sagte mir, dass, wenn diese Menschen, die in ihrem Beruf so viel erreicht haben und von den Menschen geliebt werden, auswandern wollen, ich sofort aufbrechen muss, denn selbst wenn ich eines Tages ihr Niveau erreichen sollte, würde ich wie sie unzufrieden sein. Das war der Moment, in dem ich die endgültige Entscheidung traf“, sagte noch Peter Georgiev Ray.
In Kanada, wo er sich 1991 niederließ, erwartete ihn das Schicksal eines Einwanderers – Geschirr spülen, Depressionen, das Gefühl, „eine Pistole an der Schläfe zu haben“. „Ich hatte mir gesagt, dass ich nach Bulgarien zurückkehren würde, wenn meine Tätigkeit nichts mit Kunst zu tun hätte“, erzähltе er.

„Wenn jemand ein starkes künstlerisches Talent hat, kann er unter bestimmten Umständen seine Richtung ändern“, erklärtе Petar Georgiev Rey und fügte hinzu: „Ich habe an Kurzfilmen von Studenten mitgewirkt, hatte Zugang zu Kameras, Schauspielern und Regisseuren in Hollywood-Produktionen, aber mir wurde schnell klar, dass ich mit meinem Akzent immer auf der Ersatzbank sitzen würde. Allmählich begann ich zu denken, dass ich meine Art des künstlerischen Ausdrucks ändern musste, und die Poesie war das Erste, was mir einfiel. Die Prosa und die Malerei kamen danach von selbst. Es war gerade das Malen, das mich gerettet hat.“

Das Ergebnis dieser Selbstreflexion und Suche nach neuen Talenten lässt sich heute in 60 Ausstellungen, vier Romanen, einem Gedichtband und einem Theaterstück messen. Eine schicksalhafte Begegnung mit dem amerikanischen Kritiker Kenworth Moffett und die Anerkennung als „der originellste Künstler, der seit vielen Jahren aufgetaucht ist“ öffnen ihm die Türen zu renommierten Galerien auf der ganzen Welt.

„Dieser Mann schätzte meine Bilder schon zu Beginn meiner künstlerischen Karriere sehr, und das gab mir Mut und Kraft, weiterzumachen“, erzählte Petar Georgiev Rey und sagte noch: „Denn ich musste mich gegen Skepsis behaupten – gegen Menschen, die mir eine Katastrophe prophezeiten, dass ich als Künstler zum Leben in Armut verdammt sein würde. Was meine Bilder angeht, würde ich nicht sagen, dass sie vollständig abstrakt sind. Laut Ken habe ich die abstrakte Kunst weiterentwickelt, da meine visuelle Ausdrucksweise auch eine Erzählung enthält und nicht nur Eindrücke und Farben.“

Obwohl er seine ungeahnten Talente in einer fremden und äußerst wettbewerbsorientierten Umgebung entfaltet hat, glaubt der Künstler, dass sie sich früher oder später auch in der Heimat gezeigt hätten.

„Die Bulgaren sind sehr durchsetzungsstarke Menschen, aber nicht als Gemeinschaft“, sagte Peter Georgiev Ray entschieden und fügte hinzu: „Wir sind Einzelkämpfer, die an ihrer eigenen Front kämpfen und erfolgreich sind. Das liegt zum Teil an einem Minderwertigkeitskomplex, den viele von uns in gewissem Maße gegenüber unserem Heimatland haben, denn wenn man sagt, dass man Bulgare ist, dass man aus Osteuropa kommt, wird nach dem guten ersten Eindruck erfolgt immer eine leichte Herabstufung. Viele Eltern ziehen es beispielsweise vor, dass ihre Kinder kein Bulgarisch lernen, was ich schrecklich finde.“

Übersetzung: Antonia Iliewa
Redaktion und Veröffentlichung: Rossiza Radulowa
Fotos: Diana Zankowa, Facebook /Peter Georgiev Ray, rayart.ca
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